Pflegewissen · Sturzprophylaxe

Sturzprophylaxe in der Pflege – Risiken erkennen und Mobilität erhalten

Sturzprophylaxe in der Pflege soll dazu beitragen, vermeidbare Stürze und mögliche Sturzfolgen zu reduzieren. Dabei geht es nicht darum, einen Menschen aus Angst vor einem Sturz möglichst wenig bewegen zu lassen. Ziel ist eine möglichst sichere Mobilität bei größtmöglicher Selbstständigkeit.

Ein erhöhtes Sturzrisiko entsteht häufig nicht durch eine einzelne Ursache. Unsicheres Gehen, nachlassende Kraft, Schwindel, Sehbeeinträchtigungen, bestimmte Medikamente und Hindernisse in der Wohnung können zusammenwirken.

Deshalb beginnt gute Sturzprophylaxe mit einer individuellen Einschätzung. Frühere Stürze und Beinahe-Stürze, die aktuelle Beweglichkeit, persönliche Gewohnheiten und die Wohnumgebung müssen gemeinsam betrachtet werden.

Dieser Fachbeitrag zeigt, wie Pflegekräfte und pflegende Angehörige Risiken erkennen, sichere Bewegung unterstützen, die Umgebung anpassen und nach einem Sturz richtig reagieren können.

Praxiswissen für Pflegekräfte und pflegende Angehörige

Pflegekraft in Zivil begleitet eine ältere Frau mit Rollator bei der sicheren Mobilität zu Hause

Wissen richtig einordnen

Für wen diese Seite gedacht ist

Sturzprophylaxe betrifft nicht nur professionelle Pflegekräfte. Auch pflegende Angehörige und Menschen mit einem erhöhten Sturzrisiko können davon profitieren, Gefahren besser zu erkennen und sichere Mobilität gezielt zu unterstützen.

Pflegekräfte

Pflegekräfte benötigen eine nachvollziehbare Grundlage, um Sturzrisiken individuell einzuschätzen, passende Maßnahmen zu planen und Veränderungen im Pflegeverlauf rechtzeitig zu erkennen.

Dazu gehören auch die Beratung der betroffenen Person, die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen sowie eine sachliche Dokumentation.

Angehörige

Pflegende Angehörige können Gefahren im häuslichen Umfeld beobachten, sichere Gewohnheiten fördern und Veränderungen der Beweglichkeit frühzeitig ansprechen.

Praktische Hilfestellungen und der Umgang mit Gehhilfen sollten individuell gezeigt und gemeinsam mit einer Pflegefachkraft eingeübt werden.

Betroffene

Menschen mit einem erhöhten Sturzrisiko sollen in Entscheidungen einbezogen werden. Ihre Erfahrungen, Gewohnheiten, Ängste und persönlichen Ziele sind für die Auswahl geeigneter Maßnahmen entscheidend.

Sturzprophylaxe soll Sicherheit geben, ohne Selbstständigkeit und Bewegungsfreiheit unnötig einzuschränken.

Wichtig: Ein erhöhtes Sturzrisiko bedeutet nicht, dass ein Mensch nicht mehr alleine aufstehen oder gehen darf. Entscheidend sind eine individuelle Einschätzung, verständliche Absprachen und passende Unterstützung.

Fachliche Grundlagen

Was unter einem Sturz verstanden wird

Als Sturz wird ein unbeabsichtigtes Ereignis bezeichnet, bei dem ein Mensch auf dem Boden oder auf einer tiefer gelegenen Fläche aufkommt. Dazu kann es beim Gehen, Aufstehen, Hinsetzen, Umlagern oder auch bei alltäglichen Tätigkeiten kommen.

Nicht jeder Sturz führt zu einer sichtbaren Verletzung. Trotzdem kann er Schmerzen, Unsicherheit und Sturzangst auslösen. Manche Menschen bewegen sich danach deutlich weniger, obwohl gerade der Verlust von Kraft, Balance und Bewegungserfahrung das weitere Risiko erhöhen kann.

Sturzprophylaxe versucht deshalb nicht, jede Bewegung zu vermeiden. Risiken sollen erkannt und möglichst reduziert werden, während Beweglichkeit, Selbstständigkeit und persönliche Lebensqualität erhalten bleiben.

Tatsächliches Ereignis

Sturz

Die betroffene Person kommt unbeabsichtigt auf dem Boden oder einer tieferen Ebene auf. Dabei ist unerheblich, ob eine Verletzung sichtbar ist oder ob sie anschließend selbstständig wieder aufstehen kann.

Jeder Sturz sollte in seinem Ablauf betrachtet werden: Wo geschah er, bei welcher Tätigkeit, zu welcher Tageszeit und welche Beschwerden oder Veränderungen waren erkennbar?

Wichtiges Warnsignal

Beinahe-Sturz

Bei einem Beinahe-Sturz verliert die Person kurzzeitig die Balance, kann sich jedoch selbst auffangen oder wird von einer anderen Person gehalten, bevor sie den Boden erreicht.

Auch solche Situationen sind relevant. Sie können auf neue Unsicherheiten, Kreislaufprobleme, ungeeignete Hilfsmittel oder Hindernisse im Bewegungsweg hinweisen.

Merksatz: Nicht nur der Sturz selbst liefert wichtige Informationen. Auch Stolpern, Schwanken, Abrutschen, Festhalten an Möbeln oder plötzlich vermiedene Wege können auf ein verändertes Sturzrisiko hinweisen.

Sturzrisiko einschätzen

Welche Faktoren das Sturzrisiko erhöhen können

Stürze entstehen häufig durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Eine einzelne Checkliste kann deshalb nur Hinweise geben. Entscheidend ist, die aktuelle Situation des Menschen, seine Beweglichkeit und den konkreten Alltag gemeinsam zu betrachten.

Körperliche Faktoren

  • unsicheres Gehen oder auffälliges Schwanken
  • nachlassende Muskelkraft und eingeschränkte Balance
  • Schmerzen oder eingeschränkte Beweglichkeit
  • Sehbeeinträchtigungen oder Probleme mit der Orientierung
  • Sturzangst und deutliche Vermeidung von Bewegung
  • frühere Stürze oder wiederholte Beinahe-Stürze

Medizinische Faktoren

  • Schwindel, Kreislaufprobleme oder kurze Bewusstseinsverluste
  • akute Erkrankungen, Fieber oder allgemeine Schwäche
  • neurologische Erkrankungen und Bewegungsstörungen
  • häufiger Harndrang oder hastige nächtliche Toilettengänge
  • Medikamente mit Einfluss auf Wachheit, Blutdruck oder Balance
  • kürzlich veränderte Medikation oder ungewohnte Beschwerden

Umgebung und Alltag

  • lose Teppiche, Kabel oder Gegenstände im Laufweg
  • schlechte Beleuchtung und schwer erreichbare Lichtschalter
  • glatte Böden, Türschwellen oder ungesicherte Treppen
  • ungeeignete Schuhe oder rutschende Strümpfe
  • falsch eingestellte oder nicht erreichbare Gehhilfen
  • instabile Möbel, die zum Abstützen genutzt werden

Besonders aufmerksam beobachten: Das Sturzrisiko kann sich nach einem Krankenhausaufenthalt, einer Operation, einem Infekt, einem neuen Medikament oder einer deutlichen Veränderung der Beweglichkeit kurzfristig erhöhen. Dann sollte die bisherige Einschätzung überprüft werden.

Medikamente dürfen wegen eines vermuteten Sturzrisikos nicht eigenständig reduziert oder abgesetzt werden. Auffälligkeiten und zeitliche Zusammenhänge sollten dokumentiert und ärztlich beziehungsweise pharmazeutisch überprüft werden.

Beispiel aus dem Pflegealltag

Warum meist mehrere kleine Faktoren zusammenkommen

Das folgende Beispiel ist fiktiv. Es zeigt, wie ein erhöhtes Sturzrisiko entstehen kann, obwohl auf den ersten Blick keine einzelne große Gefahr erkennbar ist.

Fiktives Fallbeispiel

Frau M. wird nachts zunehmend unsicher

Frau M. ist 82 Jahre alt und lebt allein in ihrer Wohnung. Tagsüber bewegt sie sich mit ihrem Rollator weitgehend selbstständig. Nachts steht sie mehrfach auf, weil sie zur Toilette muss.

Damit der Rollator tagsüber nicht im Weg steht, wird er abends von der Tochter neben der Wohnungstür abgestellt. Frau M. läuft deshalb nachts ohne Gehhilfe durch den Flur. Sie trägt offene Hausschuhe und schaltet das Licht häufig nicht ein, weil sie ihren Ehemann im angrenzenden Zimmer nicht wecken möchte.

Seit einer Änderung ihrer Medikamente berichtet sie außerdem von Schwindel beim schnellen Aufstehen. Bei einem nächtlichen Toilettengang verliert sie kurz die Balance und kann sich gerade noch an einer Kommode festhalten.

Hinweise erkennen

Was auffällt

  • der Rollator ist nachts nicht erreichbar
  • Frau M. steht hastig und ohne kurze Pause auf
  • der Weg zur Toilette ist nicht ausreichend beleuchtet
  • die offenen Hausschuhe geben wenig Halt
  • neuer Schwindel besteht seit einer Medikamentenänderung
  • der Beinahe-Sturz wurde zunächst nicht weitergegeben
Gemeinsam anpassen

Was verändert wird

  • der Rollator erhält einen erreichbaren festen Stellplatz
  • ein Nachtlicht beleuchtet Bett, Flur und Toilettenweg
  • Frau M. trägt geschlossene, gut sitzende Hausschuhe
  • langsames Aufrichten und kurzes Sitzen werden eingeübt
  • Schwindel und Medikamentenänderung werden ärztlich besprochen
  • Beinahe-Stürze werden künftig dokumentiert und weitergegeben

Entscheidend: Keine einzelne Maßnahme beseitigt das gesamte Risiko. Erst die Kombination aus erreichbarer Gehhilfe, besserer Beleuchtung, sicherem Schuhwerk, angepasstem Verhalten und medizinischer Abklärung verbessert die Situation.

Maßnahmen gezielt auswählen

Vier Bereiche einer wirksamen Sturzprophylaxe

Geeignete Maßnahmen richten sich nach den tatsächlich erkannten Risiken. Sie sollten gemeinsam mit der betroffenen Person geplant, verständlich erklärt und regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft werden.

Bewegung fördern

Kraft, Balance und sichere Bewegungsabläufe können nur erhalten werden, wenn vorhandene Fähigkeiten regelmäßig genutzt werden.

  • alltägliche Bewegung ermöglichen
  • Aufstehen und Hinsetzen sicher üben
  • bei Bedarf Physio- oder Ergotherapie einbeziehen

Umgebung anpassen

Laufwege und häufig genutzte Bereiche sollten übersichtlich, ausreichend beleuchtet und möglichst frei von vermeidbaren Hindernissen sein.

  • Stolperstellen und lose Gegenstände entfernen
  • Licht und Erreichbarkeit verbessern
  • stabile Haltemöglichkeiten prüfen

Hilfsmittel nutzen

Gehhilfen können Sicherheit geben, wenn sie zur Person passen, fachgerecht eingestellt und im entscheidenden Moment erreichbar sind.

  • Rollator oder Gehstock passend einstellen
  • Handhabung praktisch einüben
  • Bremsen, Griffe und Rollen kontrollieren

Gesundheit prüfen

Neue Beschwerden und gesundheitliche Veränderungen können das Sturzrisiko deutlich beeinflussen und sollten fachlich abgeklärt werden.

  • Schwindel und Kreislaufprobleme beobachten
  • Sehvermögen und geeignetes Schuhwerk beachten
  • Medikation fachlich überprüfen lassen

Selbstständigkeit erhalten: Unterstützung sollte dort einsetzen, wo sie tatsächlich benötigt wird. Werden Bewegungen dauerhaft vollständig übernommen, können Kraft, Sicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten weiter abnehmen.

Bettgitter, Fixierungen oder das gezielte Vorenthalten einer Gehhilfe sind keine allgemeinen Maßnahmen der Sturzprophylaxe. Sie können die Bewegungsfreiheit einschränken und zusätzliche Risiken verursachen. Freiheitsentziehende Maßnahmen unterliegen besonders strengen fachlichen und rechtlichen Voraussetzungen.

Praktische Überprüfung zu Hause

Die Wohnumgebung Schritt für Schritt prüfen

Eine sichere Wohnung muss nicht leer oder vollständig umgebaut sein. Im Mittelpunkt stehen die Wege und Situationen, die für die betroffene Person im Alltag tatsächlich wichtig sind.

Gewohnte Wege gemeinsam ansehen

Zuerst wird beobachtet, welche Wege häufig genutzt werden: vom Bett zur Toilette, vom Sessel in die Küche, zur Haustür oder auf den Balkon. Dabei sollte die Person möglichst selbst zeigen, wo sie sich unsicher fühlt oder regelmäßig festhält.

Laufwege und Stolperstellen kontrollieren

Lose Teppiche, Kabel, kleine Möbel, abgestellte Gegenstände und schwer erkennbare Türschwellen werden geprüft. Was entfernt, befestigt oder anders platziert wird, sollte gemeinsam entschieden werden.

Beleuchtung bei Tag und Nacht testen

Lichtschalter müssen erreichbar und wichtige Wege ausreichend beleuchtet sein. Besonders relevant sind Bett, Flur, Badezimmer, Treppen und der nächtliche Weg zur Toilette. Blendung und starke Schatten können ebenfalls Unsicherheit verursachen.

Bad und Toilette gesondert betrachten

Nasse Flächen, niedrige Toiletten, ungeeignete Badematten und fehlende Haltemöglichkeiten können das Risiko erhöhen. Haltegriffe, Duschhilfen und andere Anpassungen müssen stabil montiert und zur individuellen Beweglichkeit passend ausgewählt werden.

Schuhe und Gehhilfen einbeziehen

Schuhe sollten gut sitzen und ausreichenden Halt geben. Rollator, Gehstock oder andere Hilfsmittel müssen erreichbar, funktionstüchtig und fachgerecht eingestellt sein. Instabile Möbel sind kein verlässlicher Ersatz für eine geeignete Gehhilfe.

Veränderungen praktisch erproben

Nach einer Anpassung sollte die betroffene Person den Weg möglichst selbst ausprobieren. Erst dabei zeigt sich, ob Möbel, Hilfsmittel und Beleuchtung wirklich passend angeordnet sind oder neue Unsicherheiten entstanden sind.

Gemeinsam statt über den Kopf hinweg: Vertraute Möbel und Gegenstände geben Orientierung. Werden sie ohne Absprache entfernt oder umgestellt, kann das besonders bei kognitiven Einschränkungen neue Unsicherheit verursachen.

Nach einem Sturz

Erst beurteilen, dann angemessen handeln

Eine gestürzte Person sollte nicht reflexartig hochgezogen werden. Zuerst muss geprüft werden, ob sie ansprechbar ist, normal atmet und Hinweise auf eine Verletzung oder akute Erkrankung bestehen.

Situation zunächst prüfen

Die betroffene Person ruhig ansprechen und fragen, was passiert ist, wo Schmerzen bestehen und ob sie den Kopf angeschlagen hat.

  • Bewusstsein und normale Atmung überprüfen
  • nach Schmerzen, Schwindel und Übelkeit fragen
  • Kopf, Arme, Beine und Hüftbereich vorsichtig ansehen
  • auf Blutungen, Fehlstellungen und Bewegungseinschränkungen achten
  • die Person warm halten und nicht alleine lassen

Aufstehen sollte nur versucht werden, wenn keine Hinweise auf eine Verletzung oder akute Erkrankung bestehen und die Person sich dazu in der Lage fühlt. Unterstützung muss kontrolliert und ohne kräftiges Ziehen erfolgen.

Medizinisch abklären lassen

Auch ohne offensichtliche Notfallsituation kann eine zeitnahe ärztliche Beurteilung notwendig sein.

  • neu aufgetretene Schmerzen nach dem Sturz
  • Schmerzen im Bereich von Hüfte, Leiste oder Oberschenkel
  • unsicheres oder nicht mögliches Belasten eines Beins
  • Kopfaufprall, Benommenheit oder Erinnerungslücken
  • ungeklärter Sturz ohne nachvollziehbaren Auslöser
  • Sturz unter gerinnungshemmender Medikation

Bei dringenden, aber nicht unmittelbar lebensbedrohlichen Beschwerden kann außerhalb der regulären Sprechzeiten der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 kontaktiert werden.

Sofort Notruf 112 wählen

Bei schweren Verletzungen, Bewusstseinsstörungen oder auffälliger Atmung ist sofort der Rettungsdienst erforderlich.

  • Bewusstlosigkeit oder deutlich eingeschränktes Bewusstsein
  • keine normale Atmung oder akute Atemprobleme
  • starke Schmerzen oder erkennbare Fehlstellung
  • starke oder nicht kontrollierbare Blutung
  • Lähmungszeichen, Sprachstörungen oder neue Verwirrtheit
  • wiederholtes Erbrechen oder zunehmende Benommenheit

Bis Hilfe eintrifft: Die Person nicht alleine lassen, unnötige Bewegungen vermeiden und den Anweisungen der Rettungsleitstelle folgen. Bei fehlender normaler Atmung müssen unverzüglich lebensrettende Sofortmaßnahmen begonnen werden.

Ein Sturz ist kein persönliches Versagen. Entscheidend ist, den Ablauf anschließend ohne Schuldzuweisung zu analysieren und daraus passende Maßnahmen für die weitere Versorgung abzuleiten.

Typische Fehler

Was bei der Sturzprophylaxe häufig schiefläuft

Fehler entstehen oft aus dem verständlichen Wunsch heraus, einen Menschen möglichst gut zu schützen. Problematisch wird es, wenn Sicherheit nur noch durch Einschränkung, pauschale Regeln oder vollständige Übernahme von Bewegung erreicht werden soll.

Fehler 01

Bewegung einschränken

Aus Angst vor einem Sturz soll die betroffene Person möglichst sitzen oder liegen bleiben. Dadurch können Kraft, Balance und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten weiter abnehmen.

Fehler 02

Nur Umgebung beachten

Teppiche und Kabel werden entfernt, während Schwindel, Muskelschwäche, Sehprobleme oder eine veränderte Medikation unberücksichtigt bleiben.

Fehler 03

Gehhilfe wegstellen

Rollator oder Gehstock werden aus Platzgründen außerhalb der Reichweite abgestellt. Die Person versucht dann, kurze Wege ohne die vertraute Unterstützung zurückzulegen.

Fehler 04

Zu schnell eingreifen

Bewegungen werden sofort vollständig übernommen, obwohl die betroffene Person einzelne Schritte noch selbstständig und sicher ausführen könnte.

Fehler 05

Warnsignale übersehen

Stolpern, Schwanken, Festhalten an Möbeln oder ein Beinahe-Sturz werden nicht weitergegeben, weil die Person nicht auf dem Boden gelandet ist.

Fehler 06

Plan nicht anpassen

Ein einmal festgelegter Maßnahmenplan bleibt unverändert, obwohl sich Gesundheitszustand, Beweglichkeit, Medikation oder Wohnsituation verändert haben.

Gute Sturzprophylaxe verspricht keine vollständige Sturzfreiheit. Sie schafft nachvollziehbare Bedingungen, unter denen Risiken möglichst reduziert und vorhandene Bewegungsmöglichkeiten erhalten werden.

Pflegeverlauf nachvollziehbar machen

Stürze und Beinahe-Stürze sachlich dokumentieren

Eine gute Dokumentation beschreibt nicht nur, dass ein Sturz stattgefunden hat. Sie hält den beobachtbaren Ablauf, mögliche Einflussfaktoren, den Zustand der betroffenen Person und die eingeleiteten Maßnahmen nachvollziehbar fest.

Beobachtbare Angaben

Was dokumentiert wird

  • Zeitpunkt und genauer Ort des Ereignisses
  • Tätigkeit und Situation unmittelbar vor dem Sturz
  • Position, in der die Person aufgefunden wurde
  • benutzte oder nicht erreichbare Gehhilfen
  • Schuhwerk, Beleuchtung und erkennbare Hindernisse
  • Bewusstsein, Atmung, Schmerzen und sichtbare Verletzungen
  • durchgeführte Erste-Hilfe- und Unterstützungsmaßnahmen
  • informierte Personen und veranlasste medizinische Abklärung
Pflegefachliche Auswertung

Was weitergegeben wird

  • neue oder verstärkte Unsicherheit beim Gehen
  • Schwindel, Benommenheit oder ungeklärte Schwäche
  • zeitlicher Zusammenhang mit Medikamentenänderungen
  • wiederholte nächtliche oder situationsbezogene Stürze
  • Beinahe-Stürze und auffälliges Festhalten an Möbeln
  • Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen nach dem Ereignis
  • notwendige Anpassungen von Hilfsmitteln und Wohnumgebung
  • vereinbarte Kontrollen und Änderungen des Maßnahmenplans
Fiktives Dokumentationsbeispiel

Kurz, konkret und ohne Vermutungen

02:15 Uhr: Frau M. im Flur sitzend vor der Kommode angetroffen. Nach eigener Angabe auf dem Weg zur Toilette ins Schwanken geraten und langsam zu Boden gerutscht. Rollator stand neben der Wohnungstür und war nicht erreichbar. Frau M. wach, ansprechbar und vollständig orientiert. Normale Atmung, keine sichtbare Blutung oder Fehlstellung. Sie verneint Kopfaufprall und Schmerzen, berichtet jedoch über Schwindel nach dem Aufstehen. Nach pflegefachlicher Beurteilung mit Unterstützung über einen stabilen Stuhl aufgerichtet. Ärztliche Rücksprache wegen neu aufgetretenem Schwindel und kürzlich veränderter Medikation veranlasst. Tochter informiert.

Das Beispiel dient nur der Veranschaulichung. Dokumentiert werden ausschließlich die tatsächlich beobachteten Angaben und die durchgeführten Maßnahmen. Vermutungen über Ursachen müssen als solche erkennbar bleiben und dürfen nicht als gesicherte Tatsache festgehalten werden.

Nach einem Sturz reicht es nicht, lediglich ein Sturzprotokoll auszufüllen. Das Ereignis muss ausgewertet und die bisherige Risikoeinschätzung sowie der Maßnahmenplan müssen bei Bedarf angepasst werden.

Aus der Pflegepraxis

Sicherheit entsteht nicht durch Stillhalten

Nach einem Sturz reagieren Angehörige und manchmal auch Pflegekräfte verständlicherweise mit großer Sorge. Schnell entsteht der Gedanke, die betroffene Person dürfe nun nicht mehr alleine aufstehen oder gehen. Diese Reaktion vermittelt kurzfristig Sicherheit, kann langfristig aber neue Probleme schaffen.

Wenn einem Menschen immer mehr Bewegung abgenommen wird, verliert er häufig Kraft, Gleichgewicht und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Gute Sturzprophylaxe bedeutet deshalb nicht, jede Bewegung zu verhindern. Sie soll Bewegung so sicher wie möglich machen.

Dafür müssen wir genau hinschauen: In welcher Situation entsteht Unsicherheit? Ist die Gehhilfe erreichbar? Gibt es Schwindel, Schmerzen oder Sehprobleme? Fühlt sich die Person nachts unter Zeitdruck? Wurden Möbel verändert oder Medikamente neu eingestellt? Häufig liegt die Lösung nicht in einer großen Einzelmaßnahme, sondern in mehreren passenden Veränderungen.

Entscheidend ist, den betroffenen Menschen einzubeziehen. Wer seine Gewohnheiten, Sorgen und persönlichen Ziele kennt, kann Maßnahmen planen, die nicht nur auf dem Papier sinnvoll wirken, sondern im Alltag tatsächlich angenommen werden.

„Sturzprophylaxe darf einem Menschen nicht das Leben abnehmen. Sie soll ihm ermöglichen, sich trotz vorhandener Risiken möglichst sicher und selbstbestimmt zu bewegen.“

Anette Pelzer · Examinierte Altenpflegerin · Qualitätsmanagerin im Sozialwesen · langjährige Leitungserfahrung in der Pflege

Profil von Anette Pelzer

Die fachliche Einschätzung ersetzt keine individuelle Begutachtung, Pflegeplanung, ärztliche Beurteilung oder praktische Einweisung am pflegebedürftigen Menschen.

Porträt von Anette Pelzer bei Pflegecoaching in Dortmund

Häufige Fragen

Fragen zur Sturzprophylaxe in der Pflege

Die Antworten geben eine allgemeine pflegefachliche Orientierung. Welche Maßnahmen im Einzelfall sinnvoll sind, muss anhand der persönlichen Situation und der tatsächlich vorhandenen Risiken beurteilt werden.

Bei neuen Beschwerden, wiederholten Stürzen oder einer deutlichen Veränderung der Beweglichkeit sollte eine pflegefachliche und gegebenenfalls ärztliche Beurteilung erfolgen.

Quellen und fachliche Grundlagen

Fachliche Grundlagen dieses Beitrags

Die Inhalte dieses Beitrags orientieren sich an anerkannten pflegefachlichen Standards und öffentlich zugänglichen Gesundheitsinformationen. Für die konkrete Versorgung sind immer die individuelle Situation, die aktuelle Pflegeplanung und medizinische Anordnungen maßgeblich.

Pflegefachlicher Standard

DNQP-Expertenstandard Sturzprophylaxe

Der Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege“ beschreibt Anforderungen an die Einschätzung des Sturzrisikos, die gemeinsame Maßnahmenplanung, die Durchführung geeigneter Interventionen und die regelmäßige Evaluation.

Praxistransfer

DNQP-Praxisprojekt zur Sturzprophylaxe

Die Veröffentlichung dokumentiert die praktische Einführung und Anwendung der aktualisierten Standardkriterien in unterschiedlichen pflegerischen Versorgungssituationen.

Gesundheitsinformation

Stürze bei älteren Menschen

Das Bundesportal gesund.bund informiert über mögliche Ursachen und Folgen von Stürzen sowie über Bewegung, Hilfsmittel und weitere Möglichkeiten zur Verringerung des persönlichen Sturzrisikos.

Selbstbestimmung und Sicherheit

Freiheitsbeschränkende Maßnahmen vermeiden

Die Fachinformation erläutert, warum freiheitsbeschränkende Maßnahmen Stürze nicht zuverlässig verhindern und welche gesundheitlichen, rechtlichen und persönlichen Folgen solche Eingriffe haben können.

Fachlich geprüft und Quellen zuletzt abgerufen: 24. August 2026

Pflege zu Hause

Unterstützung für mehr Sicherheit im Alltag

Sturzprophylaxe beginnt nicht erst bei einer einzelnen Maßnahme. Sichere Bewegung, passende Unterstützung und eine aufmerksame Beobachtung müssen zur persönlichen Situation und zum häuslichen Alltag passen. Pflegecoaching unterstützt pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen in Dortmund dabei, vorhandene Fähigkeiten möglichst zu erhalten und notwendige Hilfe verlässlich zu organisieren.

Unterstützung im Alltag

Grundpflege

Unterstützung bei Körperpflege, Ankleiden, Toilettengängen und alltäglicher Mobilität. Vorhandene Fähigkeiten werden einbezogen, damit Bewegungen möglichst sicher und selbstständig bleiben.

Versorgung zu Hause

Häusliche Pflege

Individuelle pflegerische Unterstützung im vertrauten Zuhause, abgestimmt auf Beweglichkeit, Gesundheitszustand, Hilfebedarf und persönliche Gewohnheiten.

Orientierung für Angehörige

Pflegeberatung

Verständliche Beratung bei Fragen zu Pflegebedarf, Hilfsmitteln, Entlastungsmöglichkeiten und einer sicheren Organisation der Versorgung im häuslichen Umfeld.